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Veranstaltungskalender zum Internationalen Lion Feuchtwanger-Jahr
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Tanja Kinkel

© Fine Pic
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Biografie:

Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, gewann bereits mit 18 Jahren ihre ersten Literaturpreise.

Studium der Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft.

1997 Promotion „Naemi, Ester, Raquel und Ja'ala, Väter, Töchter, Machtmenschen und Judentum bei Lion Feuchtwanger“. 

 

1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation Brot und Bücher e.V. (www.brotundbuecher.de), um sich aktiv für eine humanere Welt einzusetzen.

Erfahrungen bei Stipendien in Rom und Los Angeles führten auch zur Berufung als Gründungskuratorin des Internationalen Künstlerhauses, Villa Concordia, Bamberg.

2001 Gründungsmitglied der Internationalen Feuchtwangergesellschaft.

2006 wurde sie Schirmherrin für Schloß Zerben, der Heimat von Fontanes Effi Briest.

Im gleichen Jahr durch eine Initiative der Bundesregierung berufen, als eine von Hundert: Deutschland - Land der Ideen - 100 Köpfe von morgen - den Gästen in Deutschland zu zeigen, welche Persönlichkeiten das Land der Dichter und Denker zukünftig repräsentieren könnten. Seit 2007 Mitglied im PEN-Deutschland. Im gleichen Jahr Übernahme der Schirmherrschaft Bundesstiftung Kinderhospiz.

 

Tanja Kinkels Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt.

Mehr Informationen über Tanja Kinkel und ihre Romane finden sich auf ihrer Homepage: www.tanja-kinkel.de

Romane:

1990

Wahnsinn, der das Herz zerfrißt

Goldmann

1991

Die Löwin von Aquitanien

Goldmann

1993

Die Puppenspieler

Blanvalet/Goldmann

1995

Mondlaub

Blanvalet/Goldmann

1996

Die Schatten von La Rochelle

Blanvalet/Goldmann

1997

Die Prinzen und der Drache

Thienemann/Omnia

1998

Unter dem Zwillingsstern

Blanvalet/Goldmann

2000

Die Söhne der Wölfin

Blanvalet/Goldmann

2003

Götterdämmerung

Frankfurter Verlagsanstalt

2003

Der König der Narren

Droemer

2006

Venuswurf

Knaur


Hörbücher:

2003

Die Puppenspieler

Random House Audio

2003

Spuren im Schnee

Club Premiere

2004

Götterdämmerung

Audio Buchverlag

2005

Böse Nacht Geschichten

der Hörverlag

2006

Venuswurf

Argon Hörbuch

2006

Eltern. Das große Vorlesebuch

Random House

2007

Weiße Weihnacht

der Hörverlag

 

DVD:

 

2006

Böse Nacht Geschichten

13th Street



Dramolette:

 

2002

Gottesurteil

2007

Ihr sollt dem Kaiser geben, was des Kaisers ist

2007

Bitte für uns Sünder

 

Textprobe:               

GESPRÄCH UNTER FREUNDEN

                                                    Tanja Kinkel

Der Nebel, der am Morgen vom Pazifik aus zu den Hügeln an der Küste emporstieg, war noch nicht ganz verflogen, als der Stückeschreiber Bert Brecht kam, um bei einem alten Freund seinen Abschiedsbesuch zu machen. Das finstere, hagere Gesicht schlecht rasiert, saß Bertold Brecht, lederbejackt und in lederner Mütze, in unschöner, gezwungener Haltung auf der Terrasse und äußerte kantige Ansichten in schroffer Form. Die Dame des Hauses, die ihn hereingebeten hatte, war, zu vertraut mit Brecht, seinen Zigarren und seinen Besuchen, geflohen, und so war er allein mit demjenigen, dem die Mehrzahl seiner scharfsinnig formulierte Thesen galten, dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger.

„Diese Häuser hier“, formulierte Brecht, und lehnte sich gegen die nackte, weiße Wand der Villa Aurora, „werden nicht Eigentum durch Bewohnen, sondern durch Schecks, der Eigentümer bewohnt sie nicht so sehr, als er über sie disponiert. Die Häuser sind Anbauten von Garagen.“

Feuchtwanger, wohl erkennend, dass der Brecht’sche Unmut weniger den amerikanischen Domizilien als dem Ausschuß zur Untersuchung Unamerikanischer Aktivitäten galt, der ihm dieser Tage im Genick sag, erwiderte gleichmütig:

„Ich kann nicht klagen. Das Haus ist groß genug, daß einer den anderen nicht behelligt, und es ist offenbar mehr ratsam, in einer hellen, warmen, gesundheitsfördernden Landschaft zu sein als in einer kalten, trüben, rheumatismuserzeugenden.“

Es war ihm mit diesem Lob des kalifornischen Klimas durchaus ernst. Feuchtwanger hatte mittlerweile die Sechzig überschritten, und die Vorstellung, die gymnastischen Übungen, zu denen ihn seine Gattin Marta tagtäglich anhielt, in einem zugigen, heizungslosen Berliner Trümmerhaufen absolvieren zu müssen, wie ihn Brecht bald wieder zu bewohnen beabsichtigte, ließ ihn schaudern. Er zwinkerte, nahm seine Brille ab, um sie zu putzen, und glich, so fand Brecht, der ihn beobachtete, mehr denn je einem Chinesen.

„Nun, gegen Ihren Garten will ich nichts gesagt haben, Doktor“, erwiderte er und gestikulierte mit seiner Zigarre in die ungefähre Richtung der Feigenbäume, die sich an den abfallenden Hang schmiegten. „In diesem Garten ist der Lukrez wieder lesbar.“

Feuchtwanger nickte und meinte mit seiner hellen, gequetschten Stimme: „Es ist warm hier und angenehm, und wenn ich auch nicht wie Marta täglich im Meer bade, so kann man doch ohne jeglichen Heroismus die Mahlzeiten im Freien einnehmen. Das ist der Gesundheit förderlich und verhilft einem zu Einsichten, die im Norden viel langsamer wachsen. Ich habe erlebt, daß Leuten, die mit orthodoxer Querköpfigkeit darauf beharrten, eine nationalökonomische Doktrin sei der einzige des Dichters würdige Gegenstand, hier trotz allem langsam die Kruste wegschmolz.“

„Was Sie mit Ihrer veralteten biologischen Psychologie hier ohne mich machen werden, möchte ich wissen“, hakte Brecht, der wusste, wann er herausgefordert war, sofort nach. „Es wäre mir schmerzlich, wenn Sie in Zukunft den Kapitalismus für etwas hielten, das am besten durch eine dörfliche Giftmischerin verkörpert wird. Hay kann sich da nicht auf Marx stützen, wissen Sie. Das arme Bauernmädchen, das ihr Seelenheil aufs Spiel setzt, um einen Bauernhof zu gewinnen, belegt eher den Bibelsatz  ‚Und so einer die ganze Welt gewönne’, und so weiter, als einen Satz aus dem Kapital. Und wie oft haben Ihre Frau und ich Ihnen auseinandergesetzt, daß das Goethe’sche  ‚Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles’ noch kein reiner Marxismus ist! Ich sage das nicht ohne leisen Vorwurf.“

Er sagte es auch nicht leise, doch Feuchtwanger unterdrückte eine Bemerkung darüber. Wenn man Brecht in kampfeslustiger Stimmung länger reden ließ, steigerte sich seine Stimme nur allzu oft ins Gellende, Schrille. Immerhin war diesmal außer den Zigarren kein Gegenstand in der Nähe, der Schaden tragen könnte. Die Ausgabe von Shakespeares Sonetten, mit der Brecht bei ihrem letzten Gespräch zur Bekräftigung seiner Worte auf den Tisch gehauen hatte, stand mit ihrem eingerissenen Ledereinband wie ein stetes Mahnmal in Feuchtwangers Arbeitszimmer.

„Mein lieber Brecht“, versetzte er gelassen, „Sie wissen doch, dass ich mir nicht die Grundanschauung vorschreiben lasse, aus der ich meine Visionen beziehe. Meine Weltanschauung ist für niemanden verbindlich, außer für mich. Aber für mich ist sie es. Es ist Anmaßung, mir das bestreiten zu wollen. Ich für meinen Teil bin nicht so anmaßend, meine Auffassung des Epochemachenden als verbindlich auch für andere zu erklären. Solche Prätension überlasse ich Machtmenschen, Politikern, Pfaffen und Hohlköpfen.“

Brecht beugte sich vor. „Dergleichen Ausreden werden von Intellektuelle immer als Balsam für ihre Gewissensbisse verwendet, und Sie sehen doch, wohin uns das gebracht hat. Hier ist Rhodos“, schloß er, warf den Rest seiner Zigarre auf die Fliesen des Terrassenbodens und trat energisch darauf, „hier springen Sie!“

„Ich habe meine Morgengymnastik schon hinter mir“, entgegnete Feuchtwanger höflich.

Die dichten Augenbrauen seines jüngeren Freundes, die ihn immer an gotische Jochbögen erinnerten, zogen sich einen Moment lang unheilverkündend zusammen. Dann lachte Brecht.

„Das ist wirklich ein Jammer, daß Sie nicht mehr satirisch schreiben! Gerade jetzt. Ein Erfolg für Amerika, das wär’s.“

Feuchtwanger hüstelte. „Sind Sie mir nicht seinerzeit bis zum Gardasee nachgereist, um mich dazu zu veranlassen, das Buch nicht so herauszubringen?“

„Es ist ein großer Roman“, meinte Brecht sachlich, „auch wenn er diese scheußliche Karikaturen auf Hitler und auf mich enthält.“

„Auf Karikaturen verstehen wir Süddeutschen uns“, stimmte Feuchtwanger zu, „auch wenn Sie aus meinem bayerischen Granteln immer ein schwäbisches Grandeln machen wollen. Den Dreigroschenroman habe ich zweimal gelesen, und ich finde das Buch eine ausgezeichnete Karikatur auf das Weltbild des extrem marxistischen Doktrinärs.“

„Sie sind hoffnungslos“, bemerkte Brecht, und zündete sich eine neue Zigarre an. Inzwischen hatte sich der letzte Rest des morgendlichen Dunstes aufgelöst, und man konnte über die braungrünen Hügel von Pacific Palisades über die Bucht hinweg bis nach Santa Monica blicken.

„Können Sie sich noch erinnern, was Max Reinhardt sagte, als wir beide zum Lunch bei ihm waren, kurz vor seinem Tod?“

„Von den Bayern?“

Brecht nickte, senkte seine Stimme und zitierte Reinhardt, den alten Herrscher über die deutschen Theater, einen der wenigen Menschen, denen seine scharfe Zunge erspart geblieben war: „Die Bayern wollen nicht Theater sehen, sie wollen nur Theater spielen. Dies für die Historiker, die das Lehrstück anthropologisch zu begründen wünschen!“

Der Gedanke an Reinhardt brachte ihn auf die noch lebenden Theatergrößen, die wie er mittlerweile vor der Frage einer Rückkehr nach Europa standen.

„Aber Kortner wollte ja auch immer am liebsten etwas Ernstes, etwa Herrmann den Cherusker spielen“, fuhr er fort. „Weill soll mit Werfel, der immer mal wieder gefallen haben soll, jetzt an einer Glorifizierung der jüdischen Geschichte für Amerika arbeiten. Alle wollen sie den Ehrentitel Justamentus! Ich möchte hören, was geschähe, wenn ich den Durchzug der Cherusker durch den Teutoburger Wald verewigte.“  

In Feuchtwangers zerknittertes Gesicht stahl sich ein Lächeln. „Herrman den Cherusker zu machen ist auch ein alter Plan von mir. Wollen wir es gemeinsam machen? Sie steuern das Marxistische bei, ich das Menschliche, Piscator macht einen Film daraus, Weill schreibt die Musik, und wir teilen die Tantiemen.“

„Nicht in diesem Land“, entgegnete Brecht trocken, nachdem er sich ein eigenes Grinsen gestattet hatte. „Hier wird damit gerechnet, dass die Schauspieler nicht spielen und die Zuschauer nicht denken können.“

„Oh, ich weiß nicht“, versetzte Feuchtwanger. „Ihre Aussage vor dem Ausschuß gestern war ein voller Erfolg. Ihre gesamten Werke haben Ihnen nicht so viel publicity gebracht und so viel Erfolg wie diese ungeschickt pfiffigen Sätze. Alle Welt von Thomas Mann bis zu meinem Gärtner anerkannten das Schöpferische.“

„Hat das alte Reptil das zu Ihnen gesagt? Ganz ehrlich, bei dem Gedanken an eine Rückkehr nach Deutschland frage ich mich nur, wie das deutsche Volk sich rechtfertigen kann, dass es nicht nur die Untaten des Hitlerregimes, sondern auch die Romane das Herrn Mann geduldet hat, die letzteren ohne die zwanzig bis dreißig SS-Divisionen über sich.“

„Brecht, Sie werden doch bald den Atlantik zwischen ihn und sich gesetzt haben. Können Sie da nicht ein wenig nachsichtiger sein?“

„Mit Thomas Mann? Niemals.“ Auch der zweite Zigarrenstumpf landete auf dem Boden, und Brecht zermalmte die angesengten kubanischen Tabakblätter mit der gleichen genüsslichen Inbrunst, mit der er sie geraucht hatte.

„Nachsicht übe ich nur mit Ihnen, Doktor“, fuhr er fort, und erhob sich. „Ich werde Sie vermissen, samt Ihres merkwürdigen Epikurismus zwischen Pinien und Stacheldraht. Selbst wenn Ihre Entschlüsse aus Bequemlichkeit und Einsicht geboren werden. Sie sind der einzige Mensch, den ich kenne, der auch bei einem gelegentlichen Durchbrennen unter Lebensgefahr nicht vergisst, den Tafelwein sorgfältig auszusuchen. Ihr Humanismus hat eine gesunde Grundlage, und deswegen vergebe ich Ihnen auch die bourgoise Sentimentalität.“  

Einen Moment lang legte er Feuchtwanger die Hand auf die Schulter.

„Sie werden doch bald nachkommen, nicht wahr? Zumindest in die Schweiz.“

„Wenn sich hier die Dinge für mich selbst geklärt haben, rechtlich gesehen“, erwiderte Feuchtwanger voller Zuneigung, „dann werde ich Ihnen zuliebe mindestens acht Tage Frost in Ihrem Thule auf mich nehmen.“

                                                   ----------------

Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger sollten sich nie wiedersehen, obwohl sie bis zu Brechts Tod miteinander korrespondierten. In seinem Beileidsbrief an Helene Weigel schrieb Feuchtwanger:

 

„Es fällt mir sehr schwer, mich zurechtzufinden in einer Welt ohne Brecht. Wenn ich an Rückkehr nach Europa dachte, dachte ich immer zuerst an Brecht. Als er sich hier auf der Terrasse des Hauses von mir verabschiedete und darauf drängte, daß auch ich bald käme, war ich sicher, daß wir uns nicht auf lange trennten. Brecht war mir trotz aller Gegensätzlichkeiten sehr nahe, und wiewohl er in privaten Dingen scheu war, so war er doch, glaube ich, mir gegenüber in allem Wichtigen offen.“

 

© Tanja Kinkel

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